von Seiner Göttlichen Gnade A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda
Gründer-Ācārya der Internationalen Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein
(aus der Einführung zum Śrīmad-Bhāgavatam)
Śrī Kṛṣṇa Caitanya Mahāprabhu, der große Apostel der Gottesliebe und Vater der saṅkīrtana-Bewegung, erschien in der Stadt Navadvīpa in Bengalen, Indien. Das geschah im Februar des Jahres 1486 nach christlicher Zeitrechnung. Nach dem Willen des Herrn gab es an diesem Abend eine Mondfinsternis. Bei den Hindus ist es Brauch, in den Stunden der Finsternis im Ganges oder einem anderen heiligen Fluß zu baden und vedische mantras zur Reinigung zu rezitieren. Als Śrī Caitanya während der Sonnenfinsternis geboren wurde, ertönte in ganz Indien der heilige Klang von Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare – Hare Rāma, Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare Hare.
Diese sechzehn Namen des Herrn werden in vielen Purāṇas und Upaniṣaden erwähnt, und sie werden als »Tāraka-brahman« beschrieben, die Namen für dieses Zeitalter. In den »śāstras«, den anerkannten Schriften, heißt es, daß das vergehenlose Chanten der heiligen Namen des Herrn eine gefallene Seele aus der materiellen Knechtschaft befreien kann. Es gibt unzählige Namen für den Herrn, sowohl in Indien als auch anderswo, und alle sind gleich gut, weil sie alle auf die Höchste Persönlichkeit Gottes hinweisen. Da aber diese sechzehn Namen besonders für dieses Zeitalter, das Kali-yuga genannt wird, empfohlen werden, ist es für die Menschen besser, den Weg der großen ācāryas zu gehen, der heiligen Lehrer, die durch die Praxis dieses Systems Erfolg erlangt haben.
Dieses Zusammentreffen des Erscheinens des Herrn und der Mondfinsternis macht deutlich, was die Mission des Herrn sein sollte. Diese Mission bestand darin, die Wichtigkeit des Chantens der heiligen Namen Gottes in diesem Zeitalter des Kali oder des Streits zu predigen. Das gegenwärtige Zeitalter beinhaltet Streit, selbst über unbedeutende Dinge, und deshalb haben die śāstras empfohlen, daß eine gemeinsame Plattform in der Ausführung von kīrtana, auch saṅkīrtana genannt, dem gemeinschaftlichen Singen der heiligen Namen des Herrn, gefunden werden kann. Begleitet von melodiöser Musik und Tanz können die Menschen Versammlungen, kīrtanas, zur Verherrlichung des Herrn in ihren jeweiligen Sprachen abhalten. Und wenn solche Darbietungen ohne Vergehen ausgeführt werden, ist es sicher und gewiß, daß solche Personen allmählich spirituelle Vollkommenheit erlangen werden, ohne daß sie sich der Mühe unterziehen müssen, sich strengen Methoden des yoga oder der Askese zu unterziehen.
Der Gelehrte und der Narr, der Reiche und der Arme, der Hindu und der Moslem, der Engländer und der Inder, der einfache Mann und der Priester – sie alle können während des saṅkīrtana die transzendentale Klangschwingung von Hare Kṛṣṇa mit dem Gehör empfangen und dadurch den Spiegel des Geistes vom Staub reinigen.
Im Śrīmad-Bhāgavatam heißt es: »In diesem Kali-Zeitalter werden die Menschen, die mit ausreichender Gehirnsubstanz ausgestattet sind, den Herrn und Seine Gefährten durch die Ausführung von saṅkīrtana-yajña (Opfer) verehren.« Śrī Caitanya und Seine Gründung der saṅkīrtana-Bewegung waren also keine Erfindungen, sondern stellen die Erfüllung dessen dar, was in den offenbarten Schriften gesagt wird, genauso wie das Erscheinen von Buddha, Śaṅkara Ācārya und all solcher avatāras in der vedischen Literatur vorausgesagt wird. Und um die Mission des Herrn zu bestätigen, werden alle Menschen der Welt den heiligen Namen Gottes als die gemeinsame Plattform für die universelle Religion der Menschheit annehmen.
Das Erscheinen des heiligen Namens fand also zusammen mit dem Erscheinen von Śrī Caitanya Mahāprabhu statt. Wenn der Herr auf dem Schoß Seiner Mutter saß, hörte das Kind sofort auf zu weinen, sobald die Frauen um Ihn herum den heiligen Namen sangen und in die Hände klatschten. Diese Besonderheit wurde von den Nachbarinnen des Herrn mit Ehrfurcht und Verehrung beobachtet. Manchmal machten sich die jungen Damen einen Spaß daraus, Ihn zum Weinen zu bringen, um Ihn dann durch das Chanten von Hare Kṛṣṇa, Hare Rāma, zu stoppen. So begann der Herr schon in seiner Kindheit, die Bedeutung des heiligen Namens zu predigen.
Im Alter von sechzehn Jahren wurde Er der größte Gelehrte in ganz Indien, bekannt als Nimāi Pandit. Dann wurde Er mit großem Pomp verheiratet und begann, in Navadvīpa die Hare-Kṛṣṇa-Bewegung zu predigen. Einige der dortigen brāhmanas wurden bald neidisch und legten Ihm viele Hindernisse in den Weg, bis sie sich schließlich beim muslimischen Magistrat über Ihn beschwerten. Der Kazi, wie dieser Beamte genannt wurde, nahm diese Beschwerden ernst, und er warnte die Anhänger von Śrī Caitanya zunächst davor, den Namen Kṛṣṇa laut zu chanten. Doch Śrī Caitanya bat Seine Anhänger, die Anordnungen des Kazi zu mißachten, und sie fuhren mit ihren saṅkīrtana-Partys wie gewohnt fort.
Der Kazi schickte daraufhin Polizisten, die einige der mṛdaṅgas (Trommeln) zerbrachen, während saṅkīrtana stattfand. Als Śrī Caitanya davon erfuhr, organisierte Er eine Bewegung des zivilen Ungehorsams in Navadvīpa. Er war der Pionier des zivilen Ungehorsams in Indien – und zwar für die richtige Sache. Er organisierte eine Prozession von hunderttausend Menschen, mit Tausenden von mṛdaṅgas und karatalas (Handzimbeln), und die Prozession zog über die Straßen von Navadvīpa, ohne irgendeine Angst vor dem Kazi zu haben.
Schließlich erreichte die Gruppe das Haus des Kazi, der aus Angst vor den Massen die Treppe hinaufflüchtete. Die dort versammelten Menschen waren sehr aufgebracht, aber der Herr bat sie, friedlich zu sein. Daraufhin kam der Kazi herunter, und es entstand eine sehr schöne Diskussion über den Koran und die vedischen śāstras.
Der Kazi befragte den Herrn über das Kuhopfer, das in den Veden vorgeschrieben ist, und der Herr antwortete, daß das in den Veden erwähnte Opfer nicht das Töten von Kühen sei. Bei diesem Opfer wird ein alter Stier oder eine alte Kuh getötet, um ihr durch die Kraft der vedischen mantras neues, jüngeres Leben zu geben. Im Kali-yuga ist ein solches Kuhopfer jedoch verboten, weil es keine gelehrten brāhmaṇas gibt, die die Zeremonie durchführen können. Im Kali-yuga sind alle Opfer verboten, weil sie nutzlose Versuche sind, wenn sie von Ungelehrten durchgeführt werden. Im Kali-Yuga wird nur die saṅkīrtana-Form des Opfers für alle praktischen Zwecke empfohlen. Der Kazi wurde durch die Autorität von Śrī Caitanya überzeugt und wurde sofort ein Anhänger des Herrn. Er erklärte, daß von nun an niemand mehr der Hare-Kṛṣṇa-Bewegung Hindernisse in den Weg legen dürfe.
Nach diesem Vorfall begann der Herr, saṅkīrtana energischer denn je zu predigen und zu verbreiten. Im Laufe Seiner Predigtarbeit pflegte Er jeden Tag alle Seine Anhänger auszusenden, einschließlich Śrīla Nityānanda Prabhu und Thākur Haridāsa, zwei Hauptfiguren Seiner Bewegung. Sie gingen von Tür zu Tür und predigten den Kult des Śrimad-Bhāgavatam, die Wissenschaft der Liebe zu Kṛṣṇa.
Kṛṣṇa erschien als Śrī Caitanya Mahāprabhu,
um den höchsten Nektar der Hingabe zu kosten.
Eines Tages, als sie auf der Straße unterwegs waren, trafen die beiden auf zwei Brüder namens Jagāi und Mādhāi. Geboren als Söhne eines angesehenen brāhmaṇa, waren die Brüder durch niedrige Gesellschaft in die verachtenswerteste Position gefallen. Sie waren Ausschweifungen ersten Ranges, Fleischfresser, Schürzenjäger und Banditen.
Als Ṭhākur Haridāsa und Nityānanda Prabhu von diesen beiden erfuhren, beschlossen sie sofort, daß Śrī Caitanya umso mehr verherrlicht werden würde, wenn sie durch den heiligen Namen befreit werden könnten. Mit diesem Gedanken traten sie sofort an die beiden Brüder heran und baten sie, den heiligen Namen von Kṛṣṇa zu chanten. Die betrunkenen Brüder wurden darüber jedoch wütend und griffen Nityānanda Prabhu an. Sowohl Nityānanda Prabhu als auch Haridas Ṭhākur verließen eilig den Ort, wobei die Betrunkenen sie eine beträchtliche Strecke verfolgten.
Am nächsten Tag kam Nityānanda Prabhu wieder zu den Brüdern, aber sobald er sich ihnen näherte, wurde er mit einer Tonscherbe am Kopf getroffen, und er blutete. Śrīla Nityānanda war so gütig zu ihnen, daß er, anstatt gegen ihre abscheuliche Tat zu protestieren, sagte: »Es macht nichts, daß ihr Dinge nach mir geworfen habt. Dennoch bitte ich euch, den heiligen Namen des Herrn zu chanten.«
Einer der Brüder war erstaunt über dieses Verhalten von Nityānanda Prabhu, und er fiel sofort zu seinen Füßen nieder und bat um Verzeihung für seinen sündigen Bruder. Der andere versuchte erneut, ihn zu verletzen, aber Jagāi hielt ihn zurück und forderte ihn auf, ebenfalls zu den Füßen von Nityānanda Prabhu niederzufallen.
Währenddessen eilte der Herr, der von der Verletzung Seines Geweihten gehört hatte, sofort zur Stelle, entschlossen, die beiden zu töten, doch Nityānanda Prabhu erinnerte Ihn an Seine Mission, nämlich die hoffnungslos gefallenen Seelen des Kali-Yuga zu befreien. Die Brüder Jagāi und Mādhāi waren schließlich typische Beispiele für die heutige Bevölkerung. Durch Nityānandas Eingreifen und durch ihre eigene aufrichtige Hingabe zu den Füßen dieses reinen Gottgeweihten wurde Śrī Caitanya schließlich besänftigt, und die Brüder wurden willkommene Gottgeweihte.
Um die verkommene Bevölkerung des Kali-Yuga zu befreien, erschien Śrī Caitanya, und aus Seiner grundlosen Barmherzigkeit heraus gab Er uns die einfache Methode der Selbstverwirklichung – das Singen des heiligen Namens Gottes: Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare – Hare Rāma, Hare Rāma Rāma, Rāma, Hare Hare. Und Er sagte, es gibt keinen anderen Weg in diesem Zeitalter.
Als der Herr einmal von dem großen Māyāvādī-sannyāsī, Prakāśānanda Sarasvatī, gefragt wurde, was der Grund für Seine Abweichung mit der saṅkīrtana-Bewegung war, anstatt die Vedānta-sūtras zu studieren, wie es die Pflicht eines sannyāsī ist, antwortete der Herr sehr bescheiden wie folgt:
»Der Grund für Meine Abweichung vom Studium des Vedānta mit der saṅkīrtana-Bewegung ist, daß ich ein großer Narr bin. Und weil ich ein großer Narr bin, hat mir mein spiritueller Meister verboten, mit der Vedānta-Philosophie zu spielen. Er sagte, es wäre besser für mich, den heiligen Namen des Herrn zu chanten, und das würde mich aus der materiellen Knechtschaft befreien.
In diesem Zeitalter gibt es keine andere Religion als die Verherrlichung des Herrn durch die Äußerung Seines heiligen Namens, und das ist die Aufforderung aller offenbarten Schriften. So chante ich auf Anweisung meines spirituellen Meisters den heiligen Namen von Kṛṣṇa, und ich bin jetzt verrückt nach diesem heiligen Namen. Immer, wenn ich ihn ausspreche, vergesse ich mich selbst völlig; manchmal lache ich, manchmal weine ich, und manchmal tanze ich wie ein Verrückter. Ich dachte mir, daß ich durch das Chanten des heiligen Namens vielleicht tatsächlich verrückt geworden bin, und deshalb fragte ich meinen spirituellen Meister danach.
Ich sagte ihm: ›Ich bin durch das Chanten des heiligen Namens verrückt geworden. Was hat das zu bedeuten? Bitte laß es mich wissen.‹
Mein spiritueller Meister teilte mir daraufhin mit, daß es die wirkliche Wirkung des Chantens des heiligen Namens ist, daß es transzendentale Emotionen hervorruft, was eine seltene Manifestation ist. Diese transzendentale Emotion ist das Zeichen der Liebe zu Gott, die das letzte Ziel des Lebens ist. Die Liebe zu Gott ist selbst für die Befreiung (mukti) transzendental, und als solche wird sie die fünfte Stufe der spirituellen Verwirklichung genannt – sie steht über der Stufe der Befreiung. Das eigentliche Ergebnis des Chantens des heiligen Namens von Kṛṣṇa ist das Erreichen der Stufe der Gottesliebe, und es war gut, daß ich mit einem solchen Segen begünstigt wurde.« ✽


